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Diverse Zimmer by Philip Topolovac

Exhibition November 19th - January 7th 2012

We will be closed from the 23rd of December till the 3rd of January 2012

Diverse Zimmer

In his current exhibition, Philip Topolovac generates an interior of remembrance:  a time machine, equipped with war-torn artifacts that he discovered on construction sites in the center of Berlin within the last few years.In earlier works Topolovac already focused on voids and gaps: the unconscious. This is the case, for instance, in his hole installations, which are tucked into walls and release excrescences of technical gadgetry. In his present project he concentrates on holes within the urban space: construction sites and wastelands, where he discovers layers of the past.

Along the former Berlin wall, gaps are being closed rapidly. The design and aesthetics of the results are quite dodgy and ambivalent. History is being deleted and newly written at the same time: the city as a palimpsest. Until the forties of the last century, narrow streets of houses formed the core of Berlin. The inhabitants dwelt in typical crowded tenement houses. Then came the carpet bombings as retaliation on the 3rd Reich. The quarters vanished in debris and ashes. What endured was wasteland, which remained uncovered for a long time due to lack of money and planning. Only now the tooth gaps of history are being closed in bustling haste by marauding investment funds. Topolovac uses the short time span in between the excavation of construction pits and the renewed sealing of the ground for a research of the forgotten time. The buckets of the excavators unsheathe the belongings of the former dwellers. Topolovac recovers the objects from the discarded layers of debris.

The title of the exhibition “Various Rooms” has been taken from a book page found in the debris. However, not only does it refer to the extinct houses, where the objects are from, it also alludes to the space of time that lies in between now and then; the various angles of perspective and ultimately the question of what we in fact sense as an elapsed and present reality.

The leftovers of the grueling obliteration of a township are plain finds of the entropy of twentieth century civilization. The dilapidated details of petty bourgeois pantries are the last findings in the aftermath of the shredded pathos of a summoned Nibelung battle. The artifacts seem morbid and at the same time they are familiar to us. A motionless fan and dried out water faucets become self-referred symbols: ceci n´est pas une pipe. Other items however seem to have overcome the inferno without leaving a trace. They seem tidy and neat, almost as though they came straightaway out of grandma’s kitchen-closet.

These banal fragments of lost and vanished biographies are allocated and newly linked within a special architecture. The installation made of MDF and instant construction material seems like a mixture of sculpture and furniture - somewhere in between Merzbau, spaceship and Frankfurt kitchen. An upended interior, one that reconstructs as well as it stages the items and grants them with a new presence.

The neglected is being enhanced by neutral grey and square edges, thus allowing a precise look on the igneous forms. Molten bottles, bent mugs, deformed candleholders, and other undefinable things are sorted into shelves and recesses. An abstract reconstruction occurs from the vanished rooms, where once these objects had been in use.The temporal distance to an incomprehensible past and the vicinity to its leftovers bring about something new. Set into the installation, the artifacts become self-referred, sculptural aliens. Topolovac´s installation becomes a time capsule, a trajectory that places these specimens into today’s presence and makes them visible. Thereby, it isn’t the gaze backwards that is important, but rather our relationship to the now and then. The question remains what our flat screen TVs and iPhones will look like, when they are finally unearthed from a hole in the ground.

Peter Lang

Diverse Zimmer

 

Philip Topolovac erzeugt in seiner aktuellen Ausstellung ein Erinnerungsinterieur, eine Zeitmaschine, bestückt mit kriegsversehrten Artefakten, die er in den letzten Jahren auf Baustellen im Zentrum Berlins gefunden hat. Bereits in bisherigen Arbeiten stehen Leerstellen und Zwischenräume, Unheimliches und Unbewusstes im Zentrum seines Interesses. So z.B. bei den in Wänden montierten Lochinstallationen, aus denen technische Apparaturen wuchern. Im jetzigen Projekt konzentriert er sich auf Löcher im städtischen Gefüge: Baustellen und Brachen, in denen er die Schichtungen der Vergangenheit entdeckt. 

Entlang des ehemaligen Mauerstreifens werden rasant langjährige Baulücken geschlossen. Die Ergebnisse sind in ihrer Gestalt und Ästhetik durchaus ambivalent und fragwürdig. Geschichte wird ungeschehen gemacht und zugleich neu geschrieben - die Stadt als Palimpsest.

Im historischen Kern Berlins standen bis in die 40er Jahre des vorigen Jahrhundersts enge Straßenzüge. Die Bewohner lebten dicht an dicht in den typischen Mietskasernen. Dann kam das Flächenbombardement, die Vergeltung gegen das 3. Reich aus der Luft und die Viertel versanken in Trümmern und Asche. Danach erstreckte sich hier oft Brachland, das mangels Geld oder Planung lange unbebaut blieb. Erst jetzt werden die Zahnlücken der Geschichte in hektischer Eile durch marodierendes Investmentkapital geschlossen. Den kurzen Zeitraum zwischen dem Aushub der Baugruben und der erneuten Versiegelung des Bodens nutzt Topolovac für eine Recherche nach der vergessenen Zeit. Die Habseligkeiten der ehemaligen Bewohner werden durch die Schaufeln der Bagger wieder zum Vorschein gebracht. Topolovac birgt die Objekte aus den zur Entsorgung bestimmten Schuttschichten.

Der Titel der Ausstellung, diverse Zimmer, der von einer im Schutt gefundenen Buchseite übernommen ist, bezieht sich dabei nicht nur auf die verschwundenen Häuser, aus denen die gesammelten Objekte stammen, sondern auch auf die Zeiträume, die zwischen damals und heute liegen - die unterschiedlichen Blickwinkel und letztlich die Frage nach dem, was wir als vergangene und gegenwärtige Realität empfinden.

 Was von der zerreibenden Auslöschung eines Stadtquartiers blieb, sind schlichte Fundstücke einer Entropie der Zivilisation des 20. Jahrhunderts. Dem zerschredderten Pathos einer herbeigerufenen Nibelungenschlacht stehen die verrotteten Details kleinbürgerlicher Anrichten als letztes Gefundenes der Zeitspur gegenüber. Morbide erscheinen manche der Gegenstände und zugleich seltsam vertraut. Ein regungsloser Ventilator und ausgetrocknete Wasserhähne werden zu Symbolen ihrer selbst - ceci n´est pas une pipe. An manchen Objekten wiederum scheint das Inferno spurlos vorbeigegangen zu sein. Sie wirken sauber und ordentlich, fast so, als kämen sie geradewegs aus Omas Küchenschrank. 

Diese Artefakte, banale Bruchstücke untergegangener, verschwundener Biografien, werden in einer eigenen Architektur aufgehoben und neu vernetzt. Die Installation aus MDF und Schnellbaumaterial erscheint dabei wie eine Mischung aus Skulptur und Möbelstück - irgendwo zwischen Merzbau, Raumschiff und Frankfurter Küche. Ein umgestülptes Interieur, daß sowohl rekonstruierend als auch inszenierend wirkt und den Gegenständen eine neue Präsenz verleiht. Neutrales Grau und scharfe Kanten heben das eigentlich Vergessene heraus und ermöglichen einen präzisen Blick auf die erstarrten Formen. Geschmolzene Flaschen, zerbeulte Kannen, deformierte Leuchter, Undefinierbares werden in die Regale und Nischen einsortiert. Es entsteht eine abstrakte Rekonstruktion der verschwundenen Räume, in denen diese Dinge einst Verwendung fanden.

Die zeitliche Distanz zu einer unbegreifbar gewordenen Vergangenheit und die räumliche Nähe zu ihren Überresten lassen etwas Neues entstehen. Eingefügt in die Installation werden die Objekte zu selbsreferentiellen, skulpturalen Aliens. Topolovac Installation wird zur Zeitkapsel, zum Trajekt, das diese Exemplare im Jetzt verortet und sichtbar macht. Nicht der Blick zurück steht dabei im Vordergrund, sondern wir, die Blickenden selbst und unser Verhältnis zum Vorher und Nachher. Was bleibt, ist die Frage, wie unsere Flatscreens und Iphones dereinst aussehen werden, wenn man sie aus einem Loch in der Erde gräbt.

 

Peter Lang